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Dienstag, 02 Mai 2023 08:00

Snooker-Weltmeister 2023: der kugelsichere Luca Brecel

Snooker-Weltmeister 2023: der kugelsichere Luca Brecel World Snooker

„Phänomenal“, „unglaublich“, „einmalig“. Am Ende gingen Rekordweltmeister Stephen Hendry die Superlative aus, Queue-Magier Shaun Murphy bekundete „absolute Ehrfurcht“, und Altmeister Steve Davis nannte die ebenso entspannte wie zirkusreife Spielkunst des „Belgian Bullet“ beim 18:15 gegen Mark Selby „bullet-proof“. Auf gut deutsch: kugelsicher.

Belgien schlägt Dänemark

Der begnadete Luca Brecel geht als der erste Snooker-Weltmeister in die Geschichte ein, der mit durchgefeierten Nächten statt nüchternen Trainingseinheiten den Titel geholt hat. An Lucas Spielvorbereitung kommen nicht mal jene Dänen heran, die 1992 als entspannte Strand-Fußballer den EM-Pokal gegen die Balltreter aus Germanien eroberten.

Selbst zum Finale kam Luca, der sich schon vor dem allerersten Stoß „vorgenommen hatte, in diesem Jahr ohne Trainingsstress in Sheffield etwas zu erreichen“, erst fünf Minuten vor dem ersten Anstoß; Mark Selby hatte die beiden Backstage-Tische für sich allein.

Snooker ist in guten Händen

„Snooker ist in guten Händen!“, schmetterte Kommentatoren-Legende John Virgo schon nach dem Halbfinale zwischen Luca und der jungen chinesischen Sensation Si Jiahui in sein Mikrofon. Das spektakuläre Match der beiden Supertalente riss die Zuschauer im Crucible x-fach zu stehenden Ovationen von den Sitzen. In die nächste Saison startet Luca als die neue Nummer zwei der Weltrangliste hinter Ronnie O’Sullivan. Crucible-Qualifikant Jiahui, der unter anderem Topfavorit Shaun Murphy mit makellosem, mutigem Spiel 10:9 schockte, machte einen Satz von Platz 80 auf 36.  

Ronnie-Fans mit Dauerkarte?

Der eine oder andere Klappstuhl im Crucible Theatre blieb auch im Finale leer; offenbar hatte so mancher Ronnie-O’Sullivan-Fan mit Dauerkarte für den Rest der Woche etwas Besseres vor, nachdem der beste Spieler aller Zeiten von Luca in der dritten Session des Viertelfinals mit 7:0 überfahren worden war.

Zwei Mann, ein Preis

„Sie haben viel verpasst“ ist die Untertreibung des Jahres, denn auch Mark Selby, der mehrfach große Rückstände beinahe aufholte, trug mit seinem Spiel zur Qualität des Titelkampfs bei. Selby merkte offenbar schon in der ersten Session, die er mit 2:6 verlor, dass sein Beton-Matchplay gegen das furiose Scoring von Luca wenig bringen würde, und setzte ebenfalls auf Angriffslust, gekrönt vom ersten Maximum der Final-Historie in Frame 16. Als er die letzte Schwarze versenkte, stellte das Publikum einen neuen Lautstärkeweltrekord für geschmackvoll eingerichtete Innenräume auf.

Teilen muss er sich die „Beute“ von 55.000 britischen Pfund Preisgeld für das höchste Break (15.000) plus Max-Prämie (40.000) allerdings mit Kyren Wilson, der gegen Ryan Day in Runde eins ebenfalls die 147 knackte. Zwei Maximums in Sheffield gab es bisher nur einmal: 2008 (Ali Carter, Ronnie O’Sullivan).

Sieben Matches, 145 Frames

Luca benötigte mit 131 die meisten Frames aller bisherigen Sieger, dürfte die Gesamtspielzeit von Champions wie Peter Ebdon oder Graeme Dott mit zwölf Sekunden pro Stoß in manchen Breaks, darunter zwölf Centuries, jedoch weit unterschritten haben. Sein Halbfinalgegner Si Jiahui spielte in seinen sieben Matches inklusive Qualifikation gar 145 Frames.

World War Cue

Solche Snooker-Schlagzeilen gab’s zuletzt zu den Glanzzeiten von Alex Higgins: Das verbale Scharmützel zwischen Ronnie O’Sullivan und Hossein Vafaei inspirierte die britische Boulevardpresse vor deren Zweitrundenmatch zu allerlei gut gewürzten Buchstabensalaten. Unser Favorit: WORLD WAR CUE. Nach Ronnies 13:2 hatten sich dann alle wieder lieb.

Was gab’s noch?

Vor allem merkwürdig frühe Niederlagen großer Turnierfavoriten.

Judd Trump beendete eine – abgesehen von seinem Masters-Triumph – enttäuschende Saison, indem er gleich sein Auftaktmatch mit 6:10 gegen den coolen Schotten Anthony McGill versemmelte.

Neil Robertson gab nach zwei 146er-Breaks im 10:3 gegen Wu Yize bekannt, er habe sich mit seinem Vater als „drill master“ so gut vorbereitet wie lange nicht. Im Achtelfinale gegen den mit kühlkellertiefer Bierruhe ausgestatteten Waliser Überraschungsmann Jak Jones war jedoch beim 7:13 gleich wieder Schluss. Jones warf außerdem Ali Carter (10:6) aus dem Rennen und machte es Mark Allen im Viertelfinale (10:13) schwer.

Ding Junhui führte in seinem Erstrundenmatch gegen den brillanten Entertainer Hossein Vafaei mit 5:3 und ging doch noch mit 6:10 unter.

Eine rabenschwarze Session erwischte Kyren Wilson, der sich wie immer das Finale vorgenommen hatte, in Runde zwei. John Higgins führte schon mit 10:0. Endstand: 13:2.

Bei Jack Lisowski sah es nur graduell besser aus. Gegen Anthony McGill lag er im Achtelfinale 1:10 hinten, verdiente sich mit einer starken Aufholjagd allerdings Respekt. Endstand: 8:13.

Was kommt jetzt?

Erst mal die Sommerpause. Luca Brecel hängt noch ein paar trainingsfreie Tage dran. Er sprach sogar von „Wochen oder Monaten“, in denen er kein Queue in die Hand nehmen wolle. Falls der Limburger in seiner Heimat so herumgereicht wird wie Tennis-Boris 1985, wird er auch gar nicht dazu kommen. Und sollte die Party richtig gut ausfallen, geht’s ihm vielleicht wie Ken Doherty 1997. Der fröhliche Ire wurde samt Weltpokal an einem Dienstagmittag von 250.000 Leuten vom Flughafen abgeholt. Die Bevölkerung der Insel feierte den Rest der Woche durch. Während seiner finalen Session gegen Stephen Hendry schauten sogar Einbrecher, Kidnapper und Autoknacker Snooker: Die Notrufzentrale der Dubliner Polizei erhielt in dieser Zeit nicht einen einzigen Anruf.

Wir sind gespannt, welche Geschichten uns aus Belgien erreichen …

        

Text: Matthias Breusch

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