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Montag, 16 Oktober 2023 12:46

Snooker Wuhan Open 2023: Sport und Politik

Snooker Wuhan Open 2023: Sport und Politik worldsnooker

Judd Trump gewinnt in kürzester Zeit zwei Turniere am Stück und steht wieder unter den Top drei der Weltrangliste. Überschattet wurde das erste Turnier in China seit 2019 von kurzfristigen Absagen und den Auseinandersetzungen der World Snooker Tour mit fünf Spitzenspielern.

13 Siege in Serie

Judd Trump scheint auf dem besten Weg in eine ähnliche Erfolgsspur wie 2019, als auf Masters- und WM-Erfolg eine wahre Titelflut folgte. Seit seiner unglücklichen Niederlage in einem brillanten Match gegen Hammad Miah bei den British Open gelangen ihm 13 Siege in Serie. Auch der bissige Allrounder Ali Carter vermochte ihn in Wuhan trotz einer 5:4-Führung nicht zu stoppen. In der zweiten Session des Finals zog Judd vorbei, krönte seinen 25. Triumph mit dem 931. Century seiner Karriere zum 10:7 und füllte sein Konto mit weiteren 140.000 Pfund respektive Ranglistenpunkten.

Trump hatte nach dem Sieg in Brentwood und der sofortigen Reise nach Wuhan keinerlei Erwartungen und spielte sich entspannt und locker, begleitet von acht Centuries, durchs Turnier: 5:2 gegen seinen engen Freund Oliver Lines, 5:0 gegen Matt Selt, 5:2 gegen Barry Hawkins, 5:0 gegen Tom Ford und 6:1 im Halbfinale gegen Wu Yize an dessen 20. Geburtstag. Sein persönliches Fazit, vor allem in Bezug auf sein spielerisches Selbstvertrauen: „Ich denke, das ist der bislang beste Saisonstart meiner Karriere.“

Auch Ali Carter war letztlich zufrieden, vor allem mit den 63.000 Pfund Vizemeisterprämie. „Ähnlich viele Ranglistenpunkte bekommst Du woanders schon fast für den Titel.“ Der German-Masters-Champion diesen Jahres verdiente sich den Scheck mit Erfolgen über Jamie Clarke (5:1), Stuart Bingham (5:4 nach 1:4-Rückstand), Liam Highfield (5:1), Mark Allen (5:2) und Lyu Haotian im Halbfinale mit 6:2. In der Abend-Session des Finals „habe ich mich so gut es ging im Spiel gehalten, aber mehr war nicht drin“.

 

Ein kleines Extra gab es noch für das höchste Turnierbreak von 145 Punkten. Die 5.000 Pfund teilte sich Ali mit dem Überraschungs-Viertelfinalisten Aaron Hill aus Irland. Der 21-Jährige, vor dem Turnier 76. der Weltrangliste, schlug Ben Woolaston (5:1), John-Higgins-Bezwinger Martin O’Donnell (5:1) sowie den konstant starken chinesischen Aufsteiger He Guoqiang (5:3) und machte es Wu Yize beim 4:5 alles andere als leicht.

Neils schwarze Serie geht weiter

Weiterhin nicht auf die Beine kommt die Saison von Neil Robertson. Auch in Wuhan verlor er gleich seine erste Partie gegen Liam Highfield mit 3:5. Zudem kündigte er an, gegen Ende des Jahres eine mehrfach aufgeschobene längere Reise in seine australische Heimat anzutreten. Freunde und Familie wiederzusehen sei nach vier Jahren im „Exil“ eine Herzensangelegenheit. Seine Qualifikation für Grand Prix, Tour und Players Championship, die über die Ein-Jahres-Rangliste definiert wird, ist demnach mehr als fraglich.

Für Liam Highfield war das Vordringen bis ins Achtelfinale ein bemerkenswerter Trip, denn er hatte sich im Frühsommer das Handgelenk seines Stoßarms gebrochen, konnte „praktisch kaum trainieren“ und hatte bei manchen Stößen nach wie vor Schmerzen.

Ebenfalls rabenschwarz gestalten sich die Auftritte von Marco Fu in dieser Saison. Er kam erneut nicht über das Auftaktmatch hinaus (3:5 gegen Wu Yize). Der Spitzenspieler aus Hongkong steht als ehemalige Nummer sechs der Welt weiter auf dem traurigen 122. Platz der Weltrangliste.

Ronnie verteidigt Platz eins

Ronnie O’Sullivan hätte Platz eins der Weltrangliste in Wuhan an Mark Allen verlieren können. Der Nordire hätte das Turnier allerdings gewinnen müssen. Für beide war im Viertelfinale Endstation; Ronnie verlor in einem ausgeglichenen Match im Decider gegen den starken Wu Yize. Mark Allen rutschte durch Judds Erfolg allerdings auf Rang vier ab.  

Vertragsbruch oder gutes Recht?

An den Start gegangen war das erste Turnier auf chinesischem Boden seit dem von Wuhan ausgegangenen Ausbruch der Covid-Pandemie vor vier Jahren mit Misstönen, denn Weltmeister Luca Brecel und British-Open-Sieger Mark Williams hatten ihre Teilnahme aus persönlichen Gründen kurzfristig abgesagt.

Mitten im Turnier, am Achtelfinaltag, veröffentlichte die World Snooker Tour dann ein Statement, das Wellen schlug: Luca Brecel, Mark Selby, John Higgins, Thepchaiya Un-Nooh und Ali Carter hatten frühzeitig ihre Teilnahme an den Northern Ireland Open aufgekündigt, weil zeitgleich ein Einladungsturnier im südchinesischen Macao stattfindet, wo sie offensichtlich deutlich besser dotierte Prämien sowie Antrittsgelder vorfinden. Die WST drohte den Spielern mit Sanktionen wegen angeblich mutwilligen Bruchs des Standardvertrags, und Barry Hearn, der offiziell längst im Ruhestand weilende Entscheider des WST-Hauptanteilseigners Matchroom, ließ im Interview mit dem Guardian sogar den Satz fallen: „Dann werden wir sehen, ob sie eine Geldstrafe zahlen, gesperrt werden oder ganz rausfliegen.“

Ob es sich die Main Tour ernsthaft leisten könnte, permanent auf drei Weltmeister und zwei weitere etablierte Klassespieler zu verzichten?

Zufall oder Strafe?

48 Stunden später kam das zweite Bulletin: World Snooker hatte in Verhandlungen mit den Veranstaltern in Macao erreicht, dass deren Veranstaltung auf die Vorweihnachtswoche verschoben wird. Da in der Zwischenzeit Setzliste und Auslosung für Belfast bereits über die Bühne gegangen waren, steht fest, dass Selby, Higgins, Carter, Brecel und Un-Nooh nicht mitwirken können. Ob dies absichtlich oder unabsichtlich geschehen ist, bleibt ein Geheimnis des WST-Vorstands.

Spielsucht contra Fairness

Ebenfalls ein Geheimnis bleiben die einseitigen geschäftlichen Verbindungen des Tour-Vermarkters. Nach allerlei Sponsoren aus der Sportwettenbranche ist man für die UK Championship 2023 mit einem Online-Casino als zahlungskräftigem „Maskottchen“ handelseinig geworden (Slogan: MrQ bringt den Spaß in die UK Championship) und kommentiert dies mit den Worten: „Es ist entscheidend, dass die World Snooker Tour mit gleichgesinnten und ehrgeizigen Marken zusammenarbeitet, die denselben Anspruch haben wie wir, um den Sport weiterzuentwickeln.“

Spielsucht und all ihre gesellschaftlichen Auswirkungen in einem Boot mit einer der fairsten und korrektesten Sportarten? Wie lässt sich ein solcher moralischer Kompass justieren?

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Text: Matthias Breusch, Snooker-Geschichten (satz-ball.de)

 

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