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Donnerstag, 23 März 2023 19:46

Snooker 2023: Ronnie O’Sullivans Brandrede

Am Rande des WST Classic in Sheffield brachen lange schwelende Konflikte zwischen kritischen Spielern und den Verantwortlichen von World Snooker aus. Vor allem ein Interview von Hector Nunns mit Ronnie O’Sullivan sorgte beim Vorstand des Vermarkters der WPBSA für Erklärungsbedarf.

Die professionelle Snooker-Welt wälzt nicht nur einen Wettskandal um zehn chinesische Profis, deren Sportgerichtsverhandlungen ausgerechnet in die Zeit der WM Ende April in Sheffield gelegt worden sind, obwohl die Untersuchung der Fälle bereits Mitte Februar abgeschlossen war.

In der letzten Zeit war in Spielerkreisen auch immer mehr öffentliche Kritik am generellen Management der World Snooker Tour aufgekommen. Im Hinblick auf die prekäre Situation vieler Profis in den hinteren Rängen sind sich alle einig: Selbst die in dieser Saison eingeführte Aufwandsentschädigung von 20.000 Pfund pro Spieler kann nur ein Anfang sein. Hier muss mehr geschehen.

 

Ein gutes Leben?

Stephen Maguire, Sieger der Tour-Championship 2020 und derzeitige Nummer 33 der Zwei-Jahres-Weltrangliste, äußerte sich bereits im Februar im Interview mit Phil Haigh von metro.co.uk deutlich: „Das Spiel stirbt vor unseren Augen. Was soll ich meinen Kindern sagen? Dass Snooker spielen ein gutes Leben bedeutet? Aber ist es das? Offensichtlich nicht. Ich habe 30 Jahre meines Lebens hier reingesteckt. Aber wir bekommen nicht genug Unterstützung. Es gibt Leute in den Top 30, die gerade dabei sind, sich Jobs zu suchen. Hier stimmt was nicht. Wenn die Qualifikation für die WM im April losgeht, werden viele dabei sein, die in der ersten oder zweiten Runde das Geld erspielen müssen, um ihre laufenden Kredite abzuzahlen.“

Die einzige Konsequenz ist in seinen Augen eine Reduzierung der Tour-Lizenzen von 128 auf 64: „Snooker ist nicht groß genug, um 128 Profis durchzubringen. Das mag furchtbar klingen, ist aber leider so.“

 

Zustimmung erhielt Stephen am 16. März von Jack Lisowski: „Unterhalb der Top 32 ist kaum Geld zu verdienen. Du bist zwar Profi, kommst aber kaum auf deinen Lebensunterhalt.“ Unterhalb der Top 50 sind dies höchstens 30.000 Pfund pro Jahr, von denen ein großer Teil für Reisekosten und ähnliche Posten veranschlagt werden muss. Laut Lisowski „ist das auf Dauer finanziell nicht durchzuhalten.“ Ali Carter sah dies in einem Podcast mit der BBC sogar noch drastischer: „90 Prozent der Profis haben zu wenig zum Leben.“

 

Möglicherweise – aber das ist reine Spekulation – hat auch die Sperre von Mark King am 18. März einen existenziellen Hintergrund. Der Sieger der Northern Island Open 2016, derzeit Nummer 57 der Rangliste und damit in „Abstiegsgefahr“, war lange Jahre spielsüchtig. Es wird vermutet, er habe möglicherweise einen Rückfall erlitten, indem er in ungewöhnlich strukturierte Wetteinsätze auf eines seiner eigenen Matches verwickelt gewesen sein soll (am 13. Februar gegen Joe Perry bei den Welsh Open).

 

Neil Robertson fordert eine Gewerkschaft

 

Neil Robertson äußerte sich ebenfalls am Rande des WST Classic im Gespräch mit Phil Haigh: „Ich glaube, unser Sport braucht dringend eine Spielervertretung, und zwar eine vernünftige, die mit der Faust auf den Tisch haut und ernsthaft für die Spieler kämpft.“

 

Zudem stört ihn eine weitere Besonderheit des Systems: „Es gibt noch andere Dinge im Hintergrund, die dort nicht sein sollten. Die 2,5-prozentige Abgabe (aus allen Preisgeldern an die WPBSA) ist in meinen Augen vollkommen irrsinnig. Das muss abgeschafft werden. Es ist nicht korrekt. Wenn überhaupt, dann sollten diese 2,5 Prozent in eine Altersvorsorge der Spieler fließen. Es macht keinen Sinn, dieses Geld auf dem Konto der WPBSA zu parken, solange der Sport gut läuft und viel Geld generiert.“

 

World Snooker verteilt Renditen

 

Mitte März kam die Meldung, dass World Snooker, eine Holding, mehrheitlich gehalten vom Sportvermarkter Matchroom Sport, für 2020 seine Gewinn-Ausschüttung an die Teilhaber um mehr als 150 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöht hat (2020: 3,5 Millionen; 2019: 1,4 Millionen), während im gleichen Zeitraum die Prämien für die Spieler um rund ein Viertel gefallen sind (2020: 12,5 Millionen; 2019: 9,236 Millionen).

Beide Zahlen sind vermutlich bedingt durch die Verwerfungen der Covid-Krise, den Wegfall der chinesischen Turniere und die gleichzeitige Kostenersparnis bei der Durchführung von Turnieren. Vor allem die Veranstaltungen in Milton Keynes ohne Zuschauer dürften einiges an Reise- und Personalkostenaufwand für Tablefitter, Referees und Sicherheitspersonal eingespart haben.

Wie viel TV-Geld ist im Spiel?

Zudem stellt sich die Frage, wie viel World Snooker tatsächlich einnimmt, denn die Summen, die alleine aus den Fernsehverträgen nach London fließen, sind unbekannt. BBC, ITV und Eurosport übertragen Hunderte von Stunden jährlich in Europa; hinzu kommen Lizenzen für Stationen in aller Welt, vor allem in China, sowie die Zahlungen der Sponsoren, hauptsächlich aus der Wettbranche.

Hinter diesen Aspekten verstecken sich jedoch weitere Problemzonen, denn bei Matchroom soll es nach dem Rückzug von Barry Hearn 2021 niemanden mehr geben, der sich ernsthaft für Snooker ins Zeug legt und den Sport mit Ideen und Tatkraft weiterentwickelt. Auch der Tod des 2020 verstorbenen Europa-Koordinators von World Snooker, Brandon Parker, ist weiterhin zu spüren. Indiz: Neben den britischen Turnieren finden nur noch zwei Championate außerhalb der Insel statt: das German Masters in Berlin und das European Masters in Nürnberg. Anregungen, beispielsweise die Finalrunden der Players- oder Tour Championship in Länder zu verlegen, wo Snooker eine große Fangemeinde hat, fanden bei den Verantwortlichen offensichtlich keine große Resonanz.

Ronnie spricht

Als World Snooker nach einem Spielertreffen am 16. März Maulkörbe verteilt hatte, um öffentliche Kritik zu verhindern, platzte Ronnie O’Sullivan der Kragen. In einem Interview mit dem renommierten Snooker-Journalisten Hector Nunns fielen folgende Worte:

„Vergesst die Absage des Turkish Masters. Hier bräuchte es 50 Millionen extra pro Jahr, um eine anständige Tour zu garantieren. Es kann nicht funktionieren, wenn 10 Millionen Pfund Preisgeld auf 25 Turniere und 128 Spieler verteilt werden. Mindestens das Dreifache wäre nötig. Vielleicht bräuchte es ein paar fähige Leute wie Liberty (Vermarkter der Formel eins – Red.) oder jemand ähnliches, mit einer Vision.

Die Leute, die das Spiel derzeit vermarkten, gehören nicht zu den hellsten Leuchten im Lampenladen. Ich sehe also nicht, wie sie aus eigener Kraft aus der Nummer herauskommen könnten. Man muss aber auch kein Einstein sein.

Schaut euch nur mal Turniere wie das Shootout an oder manche Hallen, in denen wir spielen. Es hat den Charme von früher verloren, wirkt lieblos und billig. Wenn diese Leute ehrlich zu sich selbst sind, müssten sie sich zumindest eingestehen: Mehr haben wir einfach nicht drauf.

Wenn sie den Sport wirklich lieben, würden sie ihn jemandem mit echten Ambitionen übergeben. Es gibt viele Spieler, die sehr unglücklich sind, aber Angst haben, sich dazu zu äußern, weil ihnen Strafgelder drohen, wie man ihnen mitgeteilt hat.

Ich selbst kann nicht mehr tun, Ich habe den Sport in den letzten 20, 30 Jahren getragen. Aber es geht hier nicht nur um einen Spieler. In Wimbledon werden 50 Millionen verteilt, bei einem einzigen Event. Beim Golf gibt es Spitzenspieler, die bei einem mit 1,2 Millionen dotierten Turnier nicht mal antreten. Wir spielen zumeist für Siegerschecks von 80.000, und der Finalist bekommt 35.000. Mark Allen ging es dieses Jahr gut, Judd Trump in den Jahren davor. Auch ein paar andere können sich freuen. Aber für den Rest bleibt nichts. Viele dieser Spieler spielen um Krümel. Das hält sie bei der Stange.

Der einzige Weg, um eine Veränderung herbeizuführen, wäre für die Mehrheit der Spieler zu sagen: ohne uns. Wenn ihr wollte, dass wir dieses Turnier spielen, dann erwarten wir entsprechende Preisgelder.“

 

Der Return von Steve Dawson

World-Snooker-Vorstand Steve Dawson nutzte Ronnies Äußerungen für eine Gegenrede. Er bemängelt, Ronnie sei weder den direkten Weg über Word Snooker oder die WPBSA noch die Spielervertretung gegangen.

„Ronnie vergleicht Snooker oft mit Golf oder Tennis, aber dann möchte ich ihm nahelegen, sich auch so vorbildlich wie Rory McIllroy oder Roger Federer zu verhalten. Kommentare wie in dieser Woche schaden jedoch nicht nur unserem Bemühen, den Sport voranzubringen, sondern sind auch haltlos.

2010 hatten wir sechs Turniere mit 3,5 Millionen Pfund Preisgeld, in dieser Saison sind es 21 mit elf Millionen. Zudem gehen wir davon aus, dass wir den Tourkalender in China in naher Zukunft komplett wiederbeleben werden.

Seit wir die Tour managen, hat Ronnie sieben Millionen Pfund an Preisgeld verdient. Es steht wohl außer Frage, dass es weit mehr hätte sein können, wenn er bei seinem Talent auch öfter gespielt hätte.

Unsere Langzeitstrategie ist die Steigerung der Events, um an das Level von anderen Individualsportarten wie Tennis heranzukommen. Wir orientieren uns diesbezüglich an globalen Giganten wie IMG.

Tatsache ist, dass unser weltweites TV-Publikum größer ist als je zuvor, auch auf digitaler Ebene. Im Königreich haben wir bei den meisten Events die Ticketrekorde gebrochen. Trotz des wirtschaftlichen Klimas kommen mehr Fans zu unseren Turnieren als je zuvor. Dies ist kein Anzeichen für eine Krise!

Seine Kommentare sind oft respektlos: gegenüber dem Snooker-Management, den kommerziellen Partnern und anderen Spielern. Niedriger rangierende Spieler hat er als „Nieten“ bezeichnet, obwohl sie den Sport genauso lieben wie er selbst. In dieser Saison haben wir allen Spielern ein Einkommen von 20.000 Pfund garantiert, um ihre Ausgaben zu entlasten und ihre Karrieren zu fördern.

Er schlägt einen Spielerstreik vor – aber wofür? Damit lassen sich wohl kaum neue Einnahmequellen erschließen.

Snooker ist größer als jeder Spieler. Der Sport wird wachsen, und wir haben keinen Zweifel, dass er in den nächsten Jahren erfolgreicher sein wird als jemals zuvor.

Meine Botschaft an Ronnie und alle anderen Spieler: Kommt und sprecht mit uns und unserem Team. Unsere Tür steht jederzeit offen.“

Text: Matthias Breusch

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