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Freitag, 16 Februar 2024 18:31

Saudi Arabia Snooker Masters: nagelneue Tradition

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Locken mit viel Geld: Saudi-Arabiens Sportwaschprogramme Locken mit viel Geld: Saudi-Arabiens Sportwaschprogramme World Snooker Tour

Die World Snooker Tour und das Sportministerium Saudi-Arabiens haben einen Deal vereinbart, der die Snooker-Welt verändern dürfte. Der Begriff „Triple Crown“ für die drei legendärsten Turniere wird aufgeweicht. Ab der ersten Augustwoche 2024 hat die Krone vier Zacken. Für mindestens zehn Jahre. Auf das Feld der 128 Profis warten in Riad zwei Millionen Pfund Preisgeld.

Märchenhaftes Marketing

Man stelle sich vor, die Tennis-Welt bekäme mitgeteilt, der Grand Slam werde nicht mehr nur in Wimbledon, Flushing Meadows, Melbourne und Paris gespielt, sondern in Katar oder Caracas um eine mit Petro-Dollars ausgestopfte Variante ausgebaut. Ähnliches geschieht derzeit im Snooker.

Die Familie Hearn und ihre Firma Matchroom als Mehrheitseigner der WST verkaufen neuerdings Tradition, die es noch gar nicht gibt. Marketing 4.0 für den Traum von der Quadruple Crown. Offiziell ist von einem „vierten Major-Turnier“ die Rede. Als Appetithäppchen dient ein Einladungsturnier für die acht Ranglistenbesten, das Ryadh Season World Masters vom 4. bis 6. März.

Vom Boxen lernen heißt siegen lernen

Die ebenso feudale wie brutale Diktatur auf der arabischen Halbinsel hat im November 2023 von Fifa-Fürst Giganti Infantino die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 garantiert bekommen. Gekrönt wird das saudische Sportswashing-Programm von der Ausrichtung der Asiatischen Winterspiele 2029 mit einem Budget von 500 Milliarden Dollar, vermutlich als komplett überdachte und klimatisierte Variante. Fernziel des eisfreien Wüstenstaats sind die Olympischen Winterspiele.  

Verglichen damit wird das Snooker-Investment aus dem Kleingeldspeicher finanziert. Die Preisgelder für das Saudi Arabia Snooker Masters erreichen das Niveau der Triple-Crown-Events und sind bewusst knapp unterhalb der Crucible-Siegprämien angesiedelt.

Matchroom-Erbe Eddie Hearn kommentierte den Knüller mit den Worten: „Wir haben die ungeheure Auswirkung gesehen, die Boxen in dieser Region erlebt hat. Nun glauben wir daran, auch das Vermächtnis des Billard dort zementieren zu können.“

Eng in England

Mit der Vergabe vieler anderer Championate und den Qualifikationsrunden zementiert die Firma allerdings weiterhin bequem die heimische Insel, denn abgesehen von den deutschen und chinesischen Turnieren sowie der einsamen 6-Reds-WM in Thailand findet die regelmäßig beschworene Ausbreitung des Weltsports woanders praktisch nicht statt, vor allem in Kontinentaleuropa.

Werbung für Snooker könnte man auch betreiben, indem man Bonusturniere wie das World Grand Prix oder das Champion of Champions in anderen snookerbegeisterten Gegenden stattfinden lässt. Oder Billard-Hochburgen, die sich begeistern lassen. Manhattan? Manila? Mar del Plata?

Seit dem frühen Tod der engagierten WST-Führungskraft Brandon Parker 2020 scheint für derlei Denkmodelle jedoch kaum Initiative vom Londoner Hauptquartier der WST auszugehen. Selbst Barry Hearn hielt in einem Interview auf Stephen Hendrys Cue Tipps-Kanal fest, sein Sohn Eddie interessiere sich kaum für Snooker.

Sackgasse Dubai

Die Spieler sind verständlicherweise angetan von der neuen Einkommensquelle, denn abseits der Spitzengruppe kämpfen viele mit Existenzängsten. John Higgins sagte: „Als Spieler denkst du immer an die Maximierung deines Einkommens. Eines meiner ersten Turniere im Ausland war Dubai 1994. Damals dachten wir, Snooker könnte im Nahen Osten was werden. Jetzt muss ich wohl bis fast 60 dabei bleiben, um was davon zu haben!“

Elliot Slessor, vor den Welsh Open auf Platz 50 des Rankings, sprach für die weniger Begüterten auf der Tour: „Vor ein paar Jahren schien die Hälfte der Turniere Einladungsturniere für die Topspieler zu sein. Großartig, dass dieses neue Ranglistenturnier dem kompletten Feld offen steht. Und das Preisgeld ist astronomisch.“

Sponsor ohne Spielsucht-Faktor

Die zweite Wirtschaftsnachricht der Woche hat einen farbigen Lichtblick zu bieten. Für das Sponsoring der Players- und Tour Championship wurde ausnahmsweise kein Wettbüro oder Online-Casino gewonnen, sondern mit PPG Architectural Paintings ein Hersteller von Hochglanzlacken, weshalb beide Turniere ab sofort als Johnson’s Paint Championship geführt werden.

Text: Matthias Breusch, Snooker-Geschichten (satz-ball.de)

 

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Matthias Breusch

* verfolgt das schönste Spiel der Welt seit 1992 * bastelt unverdrossen an seinem ersten half century *  

* Liebhaber virtuoser musikalischer Handarbeiten * Übersetzer von automobilen Traumwelten für Octane * Redakteur von Rock Hard, Metal Hammer, RevierSport und rocks * Headliner und Kolumnist für guitar, drumheads, guitar dreams und guitar acoustic * Kurator des Stilblüten-Menüs Hammermusik für Behämmerte *  

Website & mehr: Snooker-Geschichten (satz-ball.de)

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